
1855
hatte der Intendant des festen Brandenburger Schauspielhauses, Direktor von Hoxar, gemeinsam mit dem Gastwirt Börner, dem Besitzer des Hotels „Tivoli“ (Börners Weinberg), die Idee, ein Sommertheater in Brandenburg zu etablieren. Am 27. Mai 1855, einem Pfingstsonntag, fand die Eröffnungsveranstaltung mit dem Lustspiel von Bahn „Buch III, Kapitel I“ und der Posse von Friedrich „Zart und grob“ im Garten des „Tivoli“ statt. Aus dem Spielplan der Frühzeit des Sommertheaters, als ausschließlich auf einer Freilichtbühne gespielt wurde, sind die „Faust“-Aufführungen mit Gastschauspielern des Kroll'schen Theaters Berlin hervorzuheben. Einen Sensationserfolg errang Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“, die am 13. September 1860 zum ersten Mal in Brandenburg unter dem Intendanten Martorel aufgeführt wurde. Die melodiösen Schlager der Operette sollen noch Monate lang von der begeisterten Jugend gesungen und gepfiffen worden sein, so dass sie fast zu einer Plage wurden. In den Folgejahren sollte das „Tivoli“ sich zunehmend zur einzig ernsthaften Theaterspielstätte in Brandenburg entwickeln, während das alte Theater immer mehr in der Bedeutungslosigkeit versank und 1862 entgültig geschlossen wurde. Das Ensemble wurde entlassen.
1861
kaufen die Gebrüder Alhert die Gastwirtschaft „Tivoli“ und gestalten das gesamte Gelände grundlegend um. Das Lokal erhielt den Namen „Vergnügungsetablissement Ahlerts Berg“. Neben der Neugestaltung des Gartens und dem Bau eines Musikpavillons für Konzerte war der wesentlichste Teil der feste Holzbau des Sommertheaters am Ende des Gartens, liebevoll „Bretterbude“ genannt. Eröffnet wurde am 17. Mai 1861 mit dem
historischen Schauspiel von Paul Heyse „Elisabeth Charlotte“. Der Holzbau wurde später sogar noch um einen Orchestergraben erweitert. Es bleibt aber auch in der Folgezeit beim Spielbetrieb als reines Sommertheater. Die Wintersaison über spielten die Schauspieler in anderen Städten an festen Häusern. Für die Sommersaison suchten sich die Intendanten des Brandenburger Sommertheaters alljährlich entsprechend ihres jeweiligen Budgets die besten Kräfte für die Spielsaison. Auf diese Weise sicherten die Intendanten des Sommertheaters eine hohe Qualität der Aufführungen, insbesondere des Schauspiels, so dass man durchaus mit großen Bühnen in anderen Städten mithalten konnte.
1871
spitzte sich die Situation für das Theater aufgrund des Kriegsausbruches zwischen Deutschland und Frankreich zu. Nachdem bereits 1864 und 1866 wegen kriegerischer Auseinandersetzungen die Militärkapellen innerhalb kürzester Zeit durch ein eigenes Theaterorchester ersetzt werden mussten, wurde das Theater wegen des Ausbruches des deutsch-französischen Krieges am 21. August 1870 offiziell geschlossen. Die Ensemblemitglieder spielten noch etwa drei Wochen auf eigenes Risiko - ohne nennenswerte Erfolge.
1872
In der Sommertheatersaison unter der Direktion Krügers entfaltet sich auch in Brandenburg ein Theaterbetrieb bisher nicht gekannten Ausmaßes. Auf dem Repertoire standen vierzehn große, gut ausgestattete Opern, darunter Ludwig van Beethovens „Fidelio“, Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“, sein „Don Giovanni“, Francois Aubers „Die Stumme von Portici“, „Die Jüdin von Halevi, die „Hugenotten“ und „Die Afrikanerin“ von Meyerbeer. Das Sommertheater besaß dreiundzwanzig vollständige eigene Dekorationen. Das war für diese Zeit sehr beachtlich.
1874
schließt Direktor Haberstroh an das künstlerische Anliegen Krügers an, das der progressiven Theatertradition verpflichtet war. Er versucht die deutsche klassische Dramatik auf der Sommerbühne durchzusetzen. Diesem Unternehmen konnte zunächst kein allzu großer Erfolg beschieden sein.
Die Arbeit der Direktoren Krüger und Haberstroh fiel in Brandenburg in die entscheidende Umbruchszeit der städtischen Entwicklung. Nach 1871 entfaltete sich die kleine märkische Landstadt zur Industriestadt. Zahlreiche Unternehmen wurden neu gegründet, so entstanden in jener Zeit die Brandenburger Eisenindustrie, die Brennaborwerke, die Wiemannsche Schiffswerft, Großmühlen, Spinnereien und Spielzeugfabriken. Diese Industrialisierung veränderte, besonders durch den großen Arbeiterzustrom, die Bevölkerungsstruktur der Stadt wesentlich. Die entstehenden Arbeitersiedlungen dehnten die Stadt räumlich aus. Das alles verleiht der Havelstadt nach und nach ein neues Gesicht. Diese Veränderungen eröffneten dem Brandenburger Sommertheater bald neue künstlerische Möglichkeiten und Perspektiven, zwangen es aber auch, auf das neue Publikum einzugehen.
Gerade das neu hinzugezogene, durchaus bildungshungrige Arbeiterpublikum war es, das dem Theater in der Folgezeit über Jahrzehnte die Treue hielt und einen Großteil des interessierten Theaterpublikums ausmachte. Für die nicht gerade geringen Eintrittspreise begannen die Arbeiter teilweise bereits im Winter zu sparen, um sich den Besuch des Sommertheaters leisten zu können.
1875
übernimmt Emil Schirmer für zwei Jahre die Direktion des Sommertheaters. Hatten Krüger und Haberstroh mit ihrer progressiven Theaterarbeit das brandenburgische Publikum noch überfordert, ohne die Widersprüche, die zwischen ihrem künstlerischen Anliegen und ihren Arbeitsbedingungen bestanden, zu meistern, so zeigte sich doch schon während der Direktion Schirmers, dass die Anforderungen des Publikums gestiegen waren. Zusätzliche Gäste mussten herangezogen werden, um den gestiegenen Qualitätsanforderungen des Publikums gerecht zu werden. Ausstattungsstücke wie „Die geschundenen Raubritter“ waren schlecht besucht. Dagegen hatten die klassische Wiener Operette und Stücke von Jaques Offenbach in Brandenburg großen Erfolg. Emil Schirmer wurde 1878 für ein Jahr durch Direktor Aman abgelöst.